Befindlichkeiten
Hier in meiner Wohnung gibts eine Wand mit ziemlich viel weißer Fläche.
Da sollte ich nächstens möglicherweise mal folgendes draufpinseln:
Sysiphos soll ja auch ein ganz glücklicher Mensch gewesen sein
Ein Land ganz ohne politisches System?
Wenn ja, dann wird es mein Forschungsschwerpunkt werden. Dann werde ich Standardwerke dazu schreiben und herausgeben und es werden jedes Mal mindestens 500 leere Seiten sein - so leer wie mein Kopf heute abend.
Das hier wird auch irgendwann weitergeführt.
Ich muss nur vorher meine Prüfungstermine auf die Reihe kriegen und nicht bei jedem Plan das Gefühl haben, dazu sagen zu müssen: "Also, alles unter Vorbehalt jetzt!".
Das liegt aber alles nicht immer an mir, möchte ich betonen.
Ich war ja kurzzeitig eingefroren, aber jetzt ist definitiv Frühling und ich bin reanimiert: Tschüss, ihr lieben Proseminare, wir sehen uns nie wieder!
Hallo Zwischenprüfung!
Mir hat ja keiner gesagt, dass ich für Politikwissenschaft außer Englisch, mindestens einer weiteren modernen Fremdsprache und Mathe auch noch Altgriechisch brauche, und zwar vor allem die Schrift! Und von Homo homini lupus und Konsorten rede ich gar nicht, das kann man ja wenigstens noch lesen. Aber für jemanden, der gerade mal Alpha von Beta trennen kann und das auch nur in mathematischen Kontexten, für so jemanden wie mich also ist diese Art in Fachaufsätzen andauernd die altgriechische Schreibweise zu verwenden ein echtes Ärgernis! Aber leider in vielen Veröffentlichungen Usus. Umso dankbarer bin ich für die Autoren, die Altgriechisch nicht voraussetzen bei Politologen sondern ganz einfach für "Tugend" "aretai" schreiben und für "Glücksseligkeit" "eudaimonia" und für "Polis" einfach "polis", alles schön mit der Schrift, auf die man sich vor ein paar Jahren mal geeinigt hat, und nicht solchen kryptischen Zeichensalat!
Mir hat auch keiner gesagt, dass ich mich durchaus auch mit dem Sozialverhalten von Altweltaffenarten beschäftigen muss (was sind "Altweltaffenarten"?!), wenn ich mich mit politischer Anthropologie auseinandersetze.
Hat mir alles keiner gesagt! Das mit dem politischen Tier, das wusste ich aber wenigstens schon vorher, wenn mein Altgriechisch auch noch, ich gebe es zu, etwas holperte...
Wenn der Stapel Papier auf der Seite "Noch zu lesen" langsam, aber stetig kleiner wird als der Stapel Papier auf der Seite "Hab ich schon gelesen".
- Erster Teil Proseminar Theorie und Ideengeschichte - abgehakt
- Erster Text für den zweiten Teil - abgehakt
- Wenigstens einmal über den Weihnachtsmarkt gehen dieses Jahr - abgehakt
- Einkaufen für die verbleibenden paar Tage in Trier - auch schon abgehakt
- Sogar sämtliche Weihnachtsgeschenke abgehakt!
Is ja nicht zu fassen, aber ich habe tatsächlich nichts weiter zu tun als hier zu sitzen, aus Interesse und der Höflichkeit halber an der Uni vorbeizuschauen und ansonsten auf Weihnachten zu warten!
So viel Zeit. Nicht zu fassen. Ist man so gar nicht mehr gewöhnt.
Nachtschicht an Nervenkostüm: Klappe zu, sonst Affe morgen tot.
... and out.
Heute morgen habe ich sehr ausgedehnt mit Karl Marx gefrühstückt. Er hat dabei versucht, mir sein Menschenbild, seine Kritik der Menschenrechte und den Historischen Materialismus zu erklären. Leider hat er mir damit bloß den Appetit verdorben.
Als der dann wieder kam, habe ich mit Alexis de Tocqueville zu Mittag gegessen. Das, muss ich sagen, war doch sehr anregend, denn Tocqueville hat einen ganz entschiedenen Vorzug vor Karl Marx: Er redet in meiner Sprache. Wir verstehen uns.
Zum Nachmittagskaffee habe ich mir Anthony Birch eingeladen, Hans Albert wusste noch nicht, ob er auch Zeit hat. Anthony Birch und ich, wir wollten nochmal schnell seine Darstellungen der verschiedenen Theorien diskutieren, seine Ebenen politikwissenschaftlicher Aussagen, seine Kritik am szientistischen Wissenschaftsverständnis in den Sozialwissenschaften, "the trouble with positivism", wie er das so schön nennt.
Dann werden Hobbes, Locke und Rousseau heute abend mal vorbeischauen, auf einen Tee oder zwei. Vorher wollte Aristoteles mich aber noch kurz briefen und Platon hatte noch ein Problem mit seinen Ideen.
Charles Taylor und Ronald Dworkin werde ich auch noch zwischen die alten Herren aus Griechenland und die Vertragstheoretiker quetschen, hier ist die Problematik glücklicherweise nicht so komplex, das müssen wir nur noch mal durchsprechen und die Entwürfe gegenzeichnen, damit jeder informiert ist.
Max Weber und Dolf Sternberger waren in den letzten Tagen so oft hier, denen mach ich heute die Tür nicht auf.
Und Habermas? Der ist jetzt schon zum dritten oder vierten Mal in der Wiedervorlage.
"Partizip... partizipiiii... also, die Bürger müssen halt mitmachen... sie müssen... partizipitieren. Äh, nee." murmele ich nach einem mit Lernen im (fast, aber durchaus gefühlten) zweistelligen Stundenbereich verbrachten Tag vor mich hin.
Ich glaube, für heute is gut mit "partizipitieren".