Weit- und Ausschweifendes
Seit ich meine Socken selbst wasche, und das sind jetzt doch schon ein paar Jahre, grübele ich über ein Phänomen nach, das hier sicher der ein oder andere kennt: das Sockenopfer.
Nehmen wir an, ich stecke sechs Socken in eine Waschmaschine, wobei die Zahl jetzt einfach nur gerade sein soll, nicht genau. Von den sechs Socken, die ich in die Waschmaschine reingestopft habe, hole ich aber nur vier wieder raus. Aber ich merke das nicht, denn ich zähle ja meine Socken nicht, wenn ich sie aus der Maschine zerre. Diese vier übergebe ich dann dem Trockner.
Der gibt mir nur drei wieder zurück. Auch das merke ich erst, wenn ich versuche unter den vielen dunklen Socken jeweils die Paare zu finden, die in etwa die gleiche dunkle Nuance haben.
Grundsätzlich sind alle drei Socken, die mir der Trockner gelassen hat, zwar alle dunkel, aber die jeweiligen Gegenstücke ziehen jetzt wohl irgendwo ihre Bahnen im Universum.
Soweit das Sockenopfer.
Heute aber hat mir der Trockner wohl ein Zeichen geben wollen.
Von den drei Socken, die er mir in seiner unermesslichen Gnade zurückgegeben hat, waren zwei trocken, aber einer immer noch klatschnass. Einen Berg trockener Wäsche und ein einziger quietschenasser Socken?
Was will mir das sagen?
Wenn man sich nach einer längeren automobilen Phase wieder ganz in die Hände des ÖPNV begibt, dann fallen einem Dinge auf, die man beinahe vergessen hätte.
Eines ist zum Beispiel die Tatsache: Menschen riechen. Manche gut, manche jetzt nicht ganz so gut, der größere Teil der Busklientel außerhalb der Strecke Bahnhof-Uni überhaupt gar nicht gut (eine Mischung zwischen Rauch, Schweiß in Kunststoffkleidung eingegangen und Alkohol), manche irgendwie gar nicht. Dagegen ist an und für sich nicht viel zu sagen, so ist das eben mit dem Menschen, trotzdem muss man sich erstmal wieder daran gewöhnen.
Das zweite beinahe vergessene Faktum ist die soziale Zusammensetzung der Kundschaft des städtischen Personennahverkehrs. Neben dem großen Studentenanteil sind da nämlich auch noch die berühmt-berüchtigten "Schackelines" und "Schastins" bzw. deren Eltern.
Gestern zum Beispiel saß ich in einem Bus so vor mich hin und langweilte mich, bis am Hauptbahnhof dann "Tschässie" samt Mutter, Kinderwagen und Einkäufen zustieg.
"Tschässie", und das ist zunächst einmal bemerkenswert, war ein Junge. Ich brauchte etwas, um das zu verstehen, dass ein Kind, das aussieht wie ein Junge, nicht etwa den Mädchennamen "Tschässika" genannt "Tschässie" trug, sondern dass da wohl der eher alttestamentarische englische Name "Jesse" gemeint ist. "Tschässie" jedenfalls war ein aufgewecktes Kerlchen, dem seine Mutter aufgetragen hatte, den wohl eben bei der Post erstandenen Paketkarton zu halten während der Busfahrt.
"Tschässie, halten, net wegwechfen!" - so ging das einige Zeit lang, bis die Mutter vom autoritären Befehlston zum kumpelhaften Erklärton überging: "Dat is für en Paket für die Tante Schakki. Nä, Tante Schackeline, kennst du doch. Da komm´ Zigaretten rein..." und den Rest der Aufzählung habe ich nicht verstanden.
Meine Hirnwindungen waren auch voll und ganz mit staunendem Synapsenfeuer beschäftigt.
Tante Schakki?
Wie alt ist Tante Schakki?
14...?
Aus diesen Überlegungen wurde ich gerissen, als "Tschässie" mit Anhang ausstieg und seine Mutter wieder zu der Anweisung: "Tschässie, NIT WEGWECHFEN!" zwang.
... ok. Ein Kuriosum.
Aber im April? Zu Beginn des Sommersemesters?
Furchtbar!
Wenn das mit mir und meinen Studienfächern nix mehr werden sollte, dann sattele ich um auf Diplom-Wetterfrosch. Vor Wochen schon, als alle Welt auf den Schnee wartete, da hab ich gesagt: "Im März, Leute, im März dann wieder."
Und nu?
Na?
Genau. Wir haben März. Und Schnee.

Jeden Morgen ist es das gleiche:
Die tagesaktuelle Welt, wie sieht sie aus? Wie verlaufen ihre Küsten, um welche Werte ringt man auf ihr und in welchen Tempeln betet man zu Göttern welchen Namens? Wie hasst man, wie liebt man auf ihr und wen? Welche Sprachen sprechen ihre Völker oder spricht man nicht? Ist sie schon rund oder noch eine Scheibe, nach welchen Entdeckern benannte man ihre Kontinente und wieviele Sterne zählt man an ihrem Himmel? Zählt man noch die Sterne oder führt man schon Kriege auf ihnen? Wieviele Seiten haben ihre heiligen Bücher zusammengerechnet? Erfindet man gerade erst das Rad oder können die Kameras schon telefonieren und umgekehrt? Ist Gott schon tot oder Nietzsche noch nicht geboren? Sapere aude oder immer noch State in fide, hatten wir schon ... und einmal, als Mahlke schon schwimmen konnte oder sind wir erst bei Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin?
Wann sind wir da und wie weit ist es noch bis zum Meer?
Alles so Fragen, über die ich mir morgen früh nach dem Aufstehen schon wieder klar geworden sein muss, bevor ich auch nur ein so simples Wort wie "grmpfl" (heißt so viel wie: "Guten Morgen, liebe kw") zu meinem Spiegelbild sage.
Gut, abgesehen vielleicht von der Zahl der Sterne, da besteht soweit ich weiß noch Klärungsbedarf.
Es gibt einige Dinge, die kann ich gut. Zum Beispiel zuhören. Da bin ich nicht unbedingt ein Meister, aber wenn ich echt mal die Klappe halten muss und die Ohren aufsperren, dann kann ich das gut. Es gibt einige Dinge, die kann ich so einigermaßen, sodass es wenigstens für den Hausgebrauch reicht: Dazu zählt das Klavierspielen. Zuhörer brauche ich dabei eher keine. Es findet sich auch nur ganz selten mal jemand, der sich zu diesem Dienst an meinem Ego freiwillig verpflichten würde.
Dann gibt es aber auch Dinge, die kann ich einfach gar nicht. Ich tue sie, weil man an ihnen nicht vorbeikommt, aber was auch immer ich dann anstelle: Jeder, der das Ergebnis meiner Bemühungen betrachtet, der sieht sofort, dass hier jemand ein bisschen mehr wollte als er konnte.
Aber der gute Wille zählt. Das galt schon für meine Noten in Mathe, und das galt und gilt bis heute für das, was ich mit Geschenkpapier anstelle, wenn ich meine Geschenke einpacken will.
Eingepackt sind sie dann irgendwann schon. Nur wie. Das Ergebnis meiner Papier-Geschenkband-Tesafilm-Orgien kann mit einigem Wohlwollen noch als "originell" bis "niedlich" eingestuft werden.
Weniger wohlwollend betrachtet habe ich einfach zwei linke Hände und man muss sich das so ähnlich vorstellen wie bei
Pappa ante portas: Ich baue mich vor einem Haufen Geschenken auf der einen, Geschenkpapier, Geschenkband und viel Tesafilm auf der anderen Seite auf und verkünde gedanklich "Mein Name ist kw. Ich packe hier ein."
Und das mehrmals im Jahr! Man schenkt ja nicht nur zu Weihnachten.
Letzte Nacht bin ich aufgewacht von Geschluchze und Geplärre im Hof. Es war so morgens halb vier. Da übergoss eine junge weibliche Stimme in einem langen Monolog von Schimpfwörtern und Vorwürfen ihre Gesprächspartnerin am Handy mit Unfreundlichkeiten. Dass es sich um eine Gesprächspartnerin handelte, war unschwer aus den verwendeten Beschimpfungen heraus zu hören.
"Ey, und isch dachte ey, wir wärn Freunde, du ***. ---- Du ***." und so weiter und so fort. Als ich mal verstanden hatte, dass ich wach bin und es halb vier morgens ist und da draußen gerade jemand eine echt üble Krise durchlebt, da hab ich dann halt mal aus dem Fenster geschaut.
Saß da unten in der Ecke irgendwo ein Handylicht rum. Ich bin dann wieder ins Bett gekrochen.
Heute morgen, als ich die Augen aufgezwungen hatte, schaue ich dann aus dem Fenster und sehe eine Menge zerknüllter und relativ frischer Taschentücher in der Ecke rumliegen.
Ich war zwar sauer, denn rein zufällig war heute nicht einfach bloß Samstag, sondern gleich noch Tutorium und da wollte ich wach und ausgeschlafen erscheinen, sonst bringt es ja nichts.
Aber irgendwie dachte ich mir dann doch, meine Güte, was haben die sich angetan? Dass eine von ihnen morgens um halb vier laut weinend in einer Winternacht im Hof sitzt.
Rousseau würde jetzt sagen, bei mir hat sich dann vielleicht das Mitleid aus dem Naturzustand trotz meiner Entwicklung ein bisschen erhalten.
Ich gebe nur nicht so viel auf Rousseau.
Bremsleuchten am Rücken von Rentnerpärchen, die im Supermarkt K. den Betrieb aufhalten, weil sie oben am Treppenabsatz der Rolltreppe direkt erstmal stehen bleiben. Ohne daran zu denken, dass die Rolltreppe hinter ihnen nicht ebenfalls stehen bleibt und wartet, bis man sich denn mal orientiert hat zu der Frage, wohin es denn gehen soll.
Wahlweise ein Schild an der Rolltreppe: "WEITERLAUFEN! Hinter Ihnen rollen Menschen auf, Sturzgefahr!"
Das ganze in Bremsleuchtenrot.
Dann blieben mir und den Rentnerpärchen ein paar Schrecksekunden, böse Blicke und Balanceübungen erspart.
Wie oft kann man eigentlich in ein Messer greifen, bis man sich schneidet?
Ich mein das jetzt ausdrücklich wörtlich, kein übertragener Sinn, kein doppelter Boden und keine Abhandlung über Seelisches, ich meine die Frage so, wie sie da oben steht.
Vielleicht sollte ich zur Erläuterung anfügen, dass ich gerade eben Kartoffeln geschält habe... nicht gerade meine Königsdisziplin.
Es war schon damals so, als ich von der Grundschule aufs Gymnasium gekommen war: Kaum war ich weg, da entdeckte der Schulträger ungenutzte finanzielle Ressourcen und renovierte und verschönerte die Schule. Alles neu, alles viel schöner als vorher.
Das gleiche Muster scheint sich auch nach meinem Wechsel vom Gymnasium auf die Uni anzudeuten. Ich bin zwei Jahre runter von der Schule, schon schütten die verschiedenen Töpfe Gelder aus und da ist plötzlich ein sauberer Aufenthaltsraum mit Spülecke und edel silbergrauem Kühlschrank und Sofas, auf denen man sitzen kann. Tische, deren Beine nicht mehr bei einem bösen Blick zusammenbrechen und die kunstvoll aufgetürmten Mittagspausen-Müllinstallationen sich erdrutschartig über Schuhe, Hosenbeine und in Taschen ergießen lassen.
Vom neu angelegten Garten mit Sitzgelegenheiten im Innenhof rede ich hier noch gar nicht.
Analog wäre nun also zu vermuten: Wenn ich in ein paar Jahren die kleine alte Römerstadt verlasse, dann kriegen die umliegenden Baubetriebe mal wieder ein paar Aufträge aus öffentlicher Hand.
An der Uni Trier liegt allerdings baulich nicht ganz so viel im Argen, da gäbe es andere "Baustellen", wie das
hier und
hier schon sehr gut nachzulesen ist.